Hat mein Pferd Heimweh?

Ich bin vor einigen Wochen mit meinem 8 Jahre alten Warmblut Wallach in einen neuen Stall umgezogen. Obwohl dieser Stall wirklich sauber, gemütlich und nett ist und mein Pferd auch eine nette Pferdegruppe auf der Koppel bekommen hat, die ihn von Anfang an akzeptiert hat, hat er sich verändert.
Er ist jetzt ruhiger und lethargischer als jemals zuvor, sowohl beim Training als auch z. B. im Stall. Er wirkt auf mich so, als hätte er keinen Spaß mehr bei der Arbeit – ist es möglich, dass mein Pferd Heimweh hat oder bilde ich mir das ein?! Und was kann ich denn jetzt dagegen tun bzw. dafür, dass es ihm wieder geht? Ich hoffe Sie können mir helfen!
Anne Vielsch per E-Mail

Antwort von Pferdepsychologin Daniela Bühler

Die Beantwortung, ohne weitere Details über das betreffende Pferd zu erfahren, ist hier nicht einfach, da jedes Pferd ein Individuum ist und seine eigene Geschichte hat. Deshalb halte ich es sehr allgemein und gebe Ihnen ein paar Inputs, die Ihnen weiterhelfen könnten.
In erster Linie sind Pferde wie auch wir Menschen Gewohnheitstiere – und es dauert ein paar Wochen, bis sie sich in eine neue Umgebung eingelebt haben. Heimweh in dem Sinn, wie wir Menschen es kennen, ist eine reine „Vermenschlichung“ und aus Sicht der angewandten Ethologie nicht zutreffend.
Es stellt sich aber die wichtige Frage, in welchem Haltungssystem wurde der Wallach vor dem Umzug gehalten und wie wird er jetzt am neuen Ort untergebracht? Ist es eine Verbesserung oder Verschlechterung für das Pferd? Eine Verschlechterung wäre für das Pferd z. B. von einer Gruppenhaltung in eine Einzelbox. Pferde haben ein angeborenes Sozialverhalten, sie brauchen Artgenossen. Kontinuierliche Bewegung in der Gruppe unter Aussenklimabedingungen fördert den Kreislauf, bildet rote Blutkörperchen und begüngstigt die Durchblutung der Muskulatur und Härtung von Knochen, Sehnen und Bändern. Soziale Aktivitäten der Pferde, wenn die Gruppe sich gut kennt und stabil ist, fördert die psychische Ausgeglichenheit und führt zu höherer Leistungsbereitschaft, vorausgesetzt die Konzentration des Pferdes kann durch das Training geweckt werden.
Sie schreiben mir, dass Ihr Wallach eine nette Pferdegruppe auf der Koppel bekommen hat, evtl. hat er sich bei der Integration in die Gruppe, die durch natürliche Rangauseinandersetzungen statt findet, leicht verletzt.
Ich würde Ihnen ohnehin empfehlen, das Pferd einem Tierarzt vorzustellen, damit man Schmerzen ausschliessen kann. Desweiteren würde ich die Fütterung überprüfen, Weidezustand, Rauhfutter-Qualität und Menge sowie die Kraftfutterration. Auch ein Blutbild kann unterstützen bei der Ursachenfindung. Blutbilder haben besondere Bedeutung bei Sportpferden, um Stoffwechselstörungen und Mangelsituationen sowie Organschäden als Ursache von Leistungsapathie und Erkrankungen zu erfassen. Auch stellt sich mir die Frage, wann das Pferd das letzte Mal entwurmt wurde, wann die Zahnarztkontrolle statt gefunden hat. Auch weiß ich nicht, ob das Pferd beschlagen ist oder evtl. barfuss geht, hier empfehle ich, den Hufschmied zu kontaktieren.
Sie schreiben, der Stall ist sauber, gemütlich und nett. Wie setzt sich die Pferdegruppe zusammen, verträgt sich Ihr Pferd mit dem Nachbarpferd? Bekommt der Wallach die Sicherheit, damit er nachts den sogenannten Rem-Schlaf ausführt – der Schlaf in Seitenlage, der für das psychische Wohlbefinden der Pferde unerlässlich ist (Dauer ca. 20 – 30 min)?
Er findet in der Regel zwischen 23.00 Uhr und 4.00 Uhr statt – das sehen Sie, wenn sich am morgen in der Mähne Stroh oder Sägespäne befinden. Mindestens sollte der Non-Rem-Schlaf in Bauchlage stattfinden, auch tagsüber denn Pferde sind Mehrmalsschläfer.
Sollte sich Ihr 8 Jahre alter Wallach nicht hinlegen, kann es sein, dass z. B. die Einstreu zu nass ist, der Boden zu rutschig, die Box zu klein, das Pferd Schmerzen hat. Pferde reagieren auf kleinste, diverse Reize, die ihr Verhalten beeinflussen. Wie halten Sie es mit dem Training, sind da neue Personen dazugekommen, auch laute, schreiende Stimmen? Wie reagiert Ihr Pferd? Wie geht das Stallpersonal mit dem Pferd um und vieles mehr...
Ich hoffe ich konnte Ihnen ein paar Denkanstösse geben und sie finden die Ursache für das gezeigte Verhalten Ihres Pferdes. Ich wünsche Ihnen viel Freude an Ihrem Pferd.