Aortariss kann jedes Pferd treffen – nicht nur im Spitzensport

Der Hengst Hickstead verstarb beim Weltcupturnier in Verona nach einem Aortariss. Foto: Julia Rau

Viele Pferdebesitzer stellen sich nach dem tragischen Tod des Pferdes Hickstead, das Anfang November in Verona nach einem Aortariss verstorben ist, die bange Frage: Kann es auch mein Pferd treffen? Oder sind tatsächlich Hochleistungspferde stärker betroffen? Pferdplus hat recherchiert.

Der dramatische Tod des Olympiasiegerpferdes Hickstead von Eric Lamaze, der am 6. November beim Weltcup-Springturnier in Verona an einem Aortariss verstorben ist (auch Pferdplus hat darüber berichtet), hat weltweit Entsetzen und Bestürzung ausgelöst. Vor allem die Tatsache, dass sich in den letzten Jahren derartige Fälle zu häufen scheinen (siehe Aufstellung unten), lässt viele Pferdefreunde fragen: Warum passiert so etwas? Ist der Verwendungszweck des Pferdes ausschlaggebend? Sind Sportpferde heutzutage derart überfordert, dass sie häufiger von einem Aortariss betroffen sind?

Pferdplus hat diese Fragen dem renommierten Fachtierarzt für Pferde und FEI-Tierarzt Dr. Clemens Mahringer von der Pferdeklinik Tillysburg gestellt. Er meint: „Eine definitive Ursache gibt es nicht!“ Viele Faktoren spielen, so Mahringer weiter, eine Rolle: „Man weiß, es sind meist Gefäße betroffen, die nahe am Herzen liegen und nicht so robust sind wie andere Arterien. Kommt es z. B. nach einem Pferderennen oder einem anspruchsvollen Springparcours beim Pferd zu einem drastischen Anstieg des Blutdrucks, können diese Gefäße dem Druck nicht standhalten und es kommt zur tödlichen Ruptur der betroffenen Arterie.“

Man kann also, so Dr. Mahringer, beim derzeitigen Wissensstand davon ausgehen, dass es beim Aorta-Abriss bei Pferden eine Korrelation zwischen dem Blutdruckanstieg und der Ruptur der Hauptschlagader gibt. Das heißt aber nicht zwingend, dass nur Pferde in stressgeprägten Sportarten, wie Springen, Vielseitigkeit (vor allem Geländeritte) oder Rennpferde einen Aorta Abriss bekommen können. Es trifft auch Freizeitpferde. Ein intensiver Ausritt mit langen, schnellen Galoppphasen kann bei einem Pferd, das für gewöhnlich 23 Stunden in der Box steht und normalerweise nur leicht geritten wird, ebenfalls zu einem Aortariss führen. Man hat auch schon Fällen gehört, in denen Pferde einfach tot auf der Koppel gefunden wurden und man dieselbe Todesursache vermutet – obduziert wird hier aber im Normalfall nicht.

Eine wichtige Rolle beim Phänomen Aortariss scheinen Vorbelastungen zu spielen: Gefäße können aus diversen Gründen (z.B. Wurmbefall) schon vor einem Blutdruckanstieg Schädigungen in kleinerem Ausmaß haben. Das erhöht das Risiko für einen Abriss des Gefäßes um ein Vielfaches. Der plötzliche Blutdruckanstieg wäre dann zwar der Anlass bzw. der Auslöser des Aorta-Abrisses, aber eben nicht die eigentliche Ursache. Im Übrigen gibt es derartige Fälle auch beim Menschen gibt es solche Fälle – man erinnere sich nur an den Fall der damaligen Innenministerin Österreichs Liese Prokop, einer ehemaligen Leistungssportlerin, die am Silvesterabend 2006 plötzlich zusammenbrach und noch auf dem Weg ins Krankenhaus verstarb. Die Todesursache: eine geplatzte Hauptschlagader in der Nähe des Herzens.

Wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Phänomen gibt es aufgrund der erschwerten Untersuchungsbedingungen derzeit noch nicht, so Dr. Mahringer abschließend. Es kann im Grunde jedes Pferd treffen – es gibt auch keine Hinweise, dass sich die Gesamtzahl der Fälle gegenüber früher drastisch erhöht hätte. Für die unterschiedliche Wahrnehmung sorgen im Wesentlichen die Medien, die spektakuläre Fälle von berühmten Sportpferden wie Hickstead natürlich ausführlich berichten und ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit bringen. Der Tod eines normalen Freizeitpferdes auf der Koppel wird von der Öffentlichkeit hingegen kaum wahrgenommen.. Was aber nicht heißt, dass es solche Fälle nicht gibt – vielleicht sogar öfter, als wir ahnen…
Daniela Penz/Pferdplus


Aortariss bei Pferden: Fälle in den letzten beiden Jahren

– Im Februar 2010 verstarb der Elitehengst Gribaldi – u. a. Vater des berühmten Totilas – im Alter von 17 Jahren nach einem Aorta-Abriss.

– Beim Weltcup-Turnier im norwegischen Oslo im Oktober 2010 kollabierte der neunjährige Schimmelhengst Calvados Z von Springreiter Christian Ahlmann in seiner Box – die Obduktion ergab einen Aorta-Abriss als Todesursache.

– Im April 2011 verstarb bei der Qualifikation zum Casino Grand Prix in Linz-Ebelsberg der 15-jährige Schimmelwallach Amicelli Bianco von Springreiterin Barbara Belousek unmittelbar nach Durchreiten der Ziellinie ebenfalls an einem Aortariss.

– Im Mai 2011 verstarb der 3-jährige Hengst Dekan bei einem Galopprennen in Bremen – das Pferd lief als Sieger über die Ziellinie, brach jedoch beim Ausgaloppieren plötzlich zusammen und verstarb nach Wenigen Minuten. Diagnose: Aorta-Abriss.

– Am 6. November bricht beim Weltcup-Springturnier in Verona der 15-jährige Hengst Hickstead unmittelbar nach Beendigung seiner Runde zusammen und verstirbt innerhalb weniger Minuten. Als Todesursache wurde auch hier Aorta-Abriss festgestellt.

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