Ausbildung und Training des jungen Vielseitigkeitspferdes

Die Ausbildung eines Vielseitigkeitspferdes ist eine besondere Herausforderung. Foto: Julia Rau

Vielseitigkeit ist eine faszinierende Reitsport-Disziplin – und es ist eine besondere Herausforderung, junge Pferde an die vielfältigen Anforderungen in Dressur, Springen und Gelände heranzuführen. Wie das am besten gelingt, hat Pferdplus mit Reitern und Trainern zusammengestellt.

Grundvoraussetzung für ein gutes Vielseitigkeitspferd ist für Harald Ambros, Österreichs Aushängeschild im internationalen Vielseitigkeitssport, Gehorsam sowie Vertrauen in den Reiter. Der erste Schritt besteht darin, junge, unerfahrene Pferde möglichst rasch an die Vielzahl von Eindrücken zu gewöhnen, die außerhalb der Reithalle oder des Vierecks warten. Da erfahrene Pferde dem Nachwuchs als Vorbild dienen, hat es sich bewährt, anfangs in Gruppen ins Gelände zu gehen. Auch die Möglichkeit, junge Pferde als Handpferde mit zu nehmen, hat viele Vorteile.

Der Boden im Blickpunkt

Zu tiefe Sandböden können bei jungen Pferden oftmals zu Fesselträgerschäden führen. Daher auch die Regel in Deutschland, dass Geländepferdeprüfungen vernünftigerweise erst ab einem Alter von fünf Jahren bestritten werden dürfen.
Eine gute Trainingsmethode, so Mannschaftsolympiasieger von Seoul, Dr. Matthias Baumann, für die Kräftigung von Sehnen und Gelenken ist das Arbeiten auf hartem Boden – längere Schrittphasen und kontrollierte Intervalle im ruhigen Arbeitstrab auf asphaltiertem Boden. Dazu „Klettern“ auf nicht zu steilen Hängen und viele Ausflüge in unwegsames Gelände damit die Pferde lernen „mitzudenken und selbst zu schauen.“
Ein guter Tipp nach der Arbeit ist das Durchstapfen eines Baches oder kalte Nassbandagen – das hat kühlende und entzündungshemmende Wirkung für stark beanspruchte Pferdebeine.

Basis Dressurausbildung

„Die dressurmäßige Arbeit eines jungen Vielseitigkeitspferdes unterscheidet sich nicht von der eines Dressurpferdes. Jedes junge Pferd muss lernen, sich im Takt, losgelassen, bei feiner Anlehnung, im Gleichgewicht, in den drei Grundgangarten zu bewegen“, meint Ingrid Klimke, eine der erfolgreichsten deutschen Vielseitigkeitsreiterinnen. Wie man dort hinkommt, erklärt Österreichs Jugend- und Junioren Bundestrainer Andreas Riedl: „Wichtig ist es, das junge Pferd vorwärts abwärts aber mit beständiger Verbindung zum Pferdemaul zu arbeiten. Tempounterschiede in den einzelnen Grundgangarten, viele Übergänge und gebogene Linien mit Handwechseln sind gute Übungen, um die Rittigkeit und Durchlässigkeit des jungen Pferdes zu fördern.“

Stangenarbeit mit oder ohne Reiter?

Für Harald Ambros ist Freispringen ein fester Bestandteil der Ausbildung eines jungen Pferdes. Peter Wagner, internationaler Vielseitigkeitsrichter: „Buschpferde müssen lernen, selbst zu denken, hinzusehen und Entscheidungen zu treffen. Anfangs werden daher standardisierte Abmessungen aufgebaut. Später variiere ich die Distanzen oft um 1–1,5 Meter. Die Pferde werden dadurch aufmerksamer und reaktionsschneller.“ Vielseitigkeitstrainer Andreas Riedl empfiehlt bei hektischen Pferden ruhige Gymnastik und Stangenarbeit unter dem Sattel.

Kreativität am Sprung

Trabstangen, Springgymnastik und erste kleine Einzelsprünge stehen am Beginn des eigentlichen Springtrainings. Weiterführend empfiehlt Andreas Riedl Gymnastikreihen, um das Pferd an rhythmisches Galoppieren zwischen den Sprüngen zu gewöhnen. Erst danach folgen kurze Parcoursausschnitte.
Um Probleme bei den ersten Geländesprüngen zu verringern, empfiehlt Andreas Riedl breite Fänge (3–4 Meter) neben den Hindernissen aufzustellen. Das Pferd soll von Beginn an lernen, nicht vorbei zu laufen. Erst wenn man das Gefühl hat, dass sich das Pferd mit den gestellten Anforderungen schon fast langweilt, sollte man höhere Sprünge in Angriff nehmen.

Konditionstraining

„Bei Warmblütern oder auch höher im Blut stehenden Pferden reicht die regelmäßige Arbeit, um ausreichend Kondition für Einsteigerprüfungen aufzubauen“, so Harald Ambros. Auch Heinz Wehrli sieht für Geländestrecken bis maximal 2500 Meter keine Notwendigkeit gezielten Galopptrainings bei blutgeprägten Nachwuchspferden. Erst in der Vorbereitung auf größere Prüfungen nimmt Konditionstraining an Bedeutung zu.

Ohne Spaß kein Erfolg!

„Die wichtigste Aufgabe in körperlicher Hinsicht ist es, durch abwechslungsreiches Training die Sehnen, die Bänder, die Gelenke und die Muskulatur auf die Belastungen im Vielseitigkeitssport vorzubereiten. Auf mentaler Ebene ist es Aufgabe des Reiters, das Selbstvertrauen, das Selbstbewusstsein und den Mut des Pferdes zu fördern und zu entwickeln, damit es ein Kämpfer wird, der mitdenkt und Spaß an den gestellten Aufgaben hat. Dann, vor dem ersten Turnierstart, sollte der Reiter sich schon in der Startbox auf das spannende Abenteuer freuen“ fasst Ingrid Klimke zusammen. Peter Wagner fügt dem noch hinzu: „Wenn man vom Training oder Turnier heimkommt und das Gefühl hat, dass auch das Pferd nicht überfordert wurde und Spaß gehabt hat, dann wurde gut gearbeitet.“

Die komplette Geschichte finden Sie in Pferdplus 07/2010
Autorin: Corinna Widi

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