Claires Lomas und der tapferste Marathon aller Zeiten

Claire Lomas mit ihrem Roboteranzug auf der Marathonstrecke...

Großbritannien feiert eine neue Heldin: Die seit einem Sturz gelähmte britische Vielseitigkeitsreiterin Claire Lomas kämpft seit dem 22. April für ihr großes Ziel, den London Marathon in einem Roboteranzug zurückzulegen – und ist am besten Weg, es zu schaffen.

Den Moment des Starts beim London Marathon am 22. April wird Claire Lomas  niemals vergessen: „Es war einfach unglaublich. Die Leute sind ausgeflippt, als ich meine ersten Schritte gemacht habe – an diesen Augenblick werde ich mich für den Rest meines Lebens erinnern. Die erste Dreiviertel-Meile haben mir die Menschen zugerufen und mich angefeuert, andere haben mir Geld aus den Fenstern zugeworfen.“ Von emotionalen Höhepunkten wie diesen zehrt Claire Lomas seither – denn es gibt auch die Tiefpunkte. Eine Marathondistanz zu bewältigen ist auch für einen gesunden, fitten Menschen eine Herausforderung, die an die Grenzen geht – und man mag sich vorstellen, was es für jemanden bedeutet, der von der Brust abwärts gelähmt ist und der sein ganzes Gewicht und seine ganze Balance nur mit zwei Krücken und der Kraft von Armen und Schultern kontrollieren muss.

35 kg ist ihr Roboteranzug schwer, den sie mitschleppt – und der ihr hilft, Schritt für Schritt voranzukommen. Wenn sich Claire nach vorn lehnt, erkennen dies Sensoren und übermitteln die Befehle an batteriegetriebene Motoren, die sie in eine Vorwärtsbewegung umsetzen. Wenn Sie sich wieder zurücklehnt, bleibt der Roboteranzug stehen – meistens jedenfalls. „Der Anzug ist enorm sensibel – wenn ich mich zu stark bewege, stoppt er – aber auch, wenn ich mich zu wenig bewege, und das zu dosieren ist für jemanden, der kein Gefühl hat, gar nicht so einfach.“ Wenn sie nach ihrer täglichen Distanz von 1–2 Meilen in ihr Hotel kommt, ist sie kaputt und ausgelaugt, Arme und Schultern schmerzen. Jeden Abend braucht sie intensive physiotherapeutische Betreuung und muss ihre Beine auf Verletzungen untersuchen lassen, die sie nicht spüren würde. Häufig braucht sie schmerzstillende Mittel.

26,2 Meilen – das sind für Claire Lomas geschätzte 80.000 Schritte, und jeder einzelne ist anstrengend für sie, jeder einzelne verlangt äußerste Konzentration. Sie geht im Sonnenschein, aber sie geht auch bei heftigem Regen, um ihren Zeitplan einzuhalten. Jeden Morgen nimmt sie die Prozedur auf sich, den Roboteranzug anzuschnallen und wieder an die Stelle zurückzukehren, an der sie am Tag zuvor aufgehört hatte – um wieder von Neuem zu beginnen. „Und ich kann nicht sagen, dass ich es nicht erwarten kann“, meint Claire mit einem Lächeln. Aber sie überwindet sich stets aufs Neue – ohne Selbstmitleid und ohne Verbitterung. Warum sie all diese Strapazen auf sich nimmt? „Wenn man sein Leben den Pferden gewidmet hat, dann geben uns die Pferde Träume, Hoffnungen und Herausforderungen. Nach meinem Unfall hatte ich plötzlich keine Herausforderungen mehr, ich konnte nichts mehr tun und musste neue Dinge finden – deshalb mache ich das. Es hat lange gedauert, bis ich mit meinem Unfall und meinem Zustand einigermaßen umgehen konnte. Die Hälfte der Zeit vergesse ich, dass ich gelähmt bin – aber man gewöhnt sich nie völlig daran und man kann es auch nie akzeptieren, zumindest mir geht es so. Einige Leute sagen, dass ich meinen Zustand dadurch nicht verbessern kann – aber ich kann ihn ganz sicher nicht verbessern, wenn ich in meinem Rollstuhl sitze und nichts tue und meine Beine langsam verkümmern.“

Was Claire leistet, ist für viele unglaublich – und keine britische Tageszeitung, keine Radio- und keine Fernsehstation kommt derzeit an der gelähmten Frau im Roboteranzug vorbei. Viele Prominente lassen sich mit ihr fotografieren und begleiten sie ein Stück des Weges – zuletzt sogar Sir Sebastian Coe, die britische Läufer-Legende und Leiter der Olympischen Spiele von London. Auch zahlreiche Reiterkollegen aus früheren Tagen wie Mark Todd, Bettina Hoy oder Blyth Tait besuchen sie, um ihr Mut zu machen – und ihre Bewunderung zu demonstrieren. Der mediale Hype um ihre Person ist durchaus gewollt und hilft ihr dabei, das zweite wichtige Ziel zu erreichen: Sie möchte 50.000,– Pfund Spenden für die Wohltätigkeits-Organisation ,Spinal Research' auftreiben, die weltweit wissenschaftliche und medizinische Projekte unterstützt, um Wirbelsäulen-Verletzungen zu heilen und gelähmten Menschen wieder die volle Bewegungsfähigkeit zurückzugeben. Dieses Ziel hat Claire Lomas – Dank der großen Aufmerksamkeit für ihren Marathon im Roboteranzug – mittlerweile weit übertroffen, auf Ihrem Spendenkonto (hier der Link dazu) sind bereits über 70.000,– Pfund zusammengekommen. Und bis zum kommenden Dienstag, an dem Claire Lomas die 26,2-Meilen-Distanz voraussichtlich absolviert haben wird, werden es zweifellos noch mehr werden. Es ist ganz ohne Zweifel der Lauf ihres Lebens, den Claire gerade bewältigt – und wohl der tapferste Marathon aller Zeiten.

In diesem Beitrag der Tageszeitung Dailymail kann man sich einige sehr nette Fotos von Claires Marathon ansehen – darunter auch eines mit ihrer 14 Monate alten Tochter Maisie, die zweifellos der größte Fan ihrer Mutter ist und die ein T-Shirt mit der Aufschrift ,Please support Mummy' getragen hat.

Hier ein Video von Claire Lomas auf der Marathon-Strecke...

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