Global Dressage Forum: Heftige Kontroversen um ,Blood Rule‘

Der Vorsitzende des FEI-Dressurkomitees, Frank Kempermann, verteidigte die ,Blood Rule‘ vehement. Foto: Birgit Popp

Das 11. Global Dressage Forum wurde von Training-Highlights mit Kyra Kyrklund, Nathalie zu Sayn-Wittgenstein und Carl Hester, aber auch von heißen Diskussionen über die Vorgehensweise des FEI-Dressurkomitees bezüglich der ‚Blut-Regel’ und der Ernennung des Reiter-Repräsentanten im Komitee geprägt.

Gleich der Auftakt des 11. Global Dressage Forums (30./31. Oktober) in der Academy Bartels im niederländischen Hooge Mierde bot Zündstoff, denn Frank Kempermann, der Vorsitzende des FEI-Dressurkomitees, vertrat den erkrankten Leiter des FEI-Dressur-Departments Trond Asmyr. Der Organisator des CHIO Aachens ging sofort in die Offensive und beschwerte sich, dass einige Stakeholders, wie die Interessenvertretungen im Pferdesport seitens der FEI genannt werden, einen Konsens gebrochen hätten, indem sie mit ihrer Ablehnung der vom FEI-Dressurkomitees vorgeschlagenen und bei der FEI-Generalversammlung Mitte November zur Abstimmung gelangenden sogenannten ‚Blut-Regel’ an die Öffentlichkeit gegangen seien und damit dem Image des Dressursports geschadet hätten. Gleichzeitig griff er die Medien an, die sich nur einseitig informiert und sich nicht mit ihm persönlich in Verbindung gesetzt hätten, was aus journalistischer Sicht auch nicht notwendig war, denn es gibt seitens der FEI eine offizielle Pressemitteilung zu diesem Thema.

Kyrklund: „Unsere Stimme wurde nicht gehört!“
Während der weiteren Diskussion wurde jedoch offensichtlich, dass es seitens des FEI-Komitees anscheinend keine Bereitschaft gibt, anderen Interessengruppen wie dem Internationalen Dressur-Reiter-Club (IDRC) oder der Vertretung der Richter oder der Turnierorganisatoren zuzuhören. Stattdessen wurde vom Komitee der Vorschlag des Internationalen Dressur-Trainer-Clubs (IDTC) übernommen, auf Senioren-Championaten wie Welt- und Europameisterschaften und Olympischen Spielen ein wegen Blut am Körper während der Aufgabe abgeläutetes Pferd nach einer tierärztlichen Untersuchung erneut starten zu lassen, sollte es sich nur um eine geringfügige, nicht- tiersschutzrelevante Verletzung handeln. Auf die Frage, wie es sein kann, dass die Vertreter der Clubs, die offiziell eine andere Meinung als das FEI-Dressur-Komitee vertreten, dennoch im Dressur-Komitee für den Vorschlag des IDTC gestimmt hätten, war die Antwort Frank Kempermanns, dass für eine Mitgliederbefragung in den Clubs keine Möglichkeit bestünde und die Interessenvertreter im Dressur-Komitee die Meinung der Club-Vorstände wiedergegeben hätten. Was offensichtlich aber keineswegs der Fall ist, wenn auch bei den Mitgliedern der betroffenen Clubs durchaus unterschiedliche Meinungen bestehen – das stellte sich während der in Hooge Mierde parallel stattgefundenen Mitgliederversammlungen von IDTC und IDRC, aber auch bei den Wortmeldungen heraus. Kyra Kyrklund als Präsidentin des IDRC stellte klar: „Unsere Stimme wurde gar nicht gehört. Alle Versuche, unsere Meinung kundzutun, wurden unterbunden. Es gab keine interne Diskussion seitens des FEI-Komitees mit den Stakeholders. Was den IDRC betrifft, so hat sehr wohl eine Meinungsbildung stattgefunden – bei diversen Treffen wie anlässlich des CHIO Aachen sowie durch eine Online-Mitgliederbefragung.“

Meinungsunterschiede auch bei Richtern
Durch die Wortmeldung des niederländischen Championats-Richters Wim Ernes, der in diesem Frühjahr in Wellington Anja Plönzke wegen Blut am Maul hatte abläuten müssen, wurde deutlich, dass es aber auch bei den Richtern unterschiedliche Meinungen gibt, „Ich bin der Ansicht, ein Richter sollte nicht die Entscheidung treffen müssen, ob ein Pferd im Wettkampf bleiben darf oder nicht. Was sollen wir sagen, wenn z.B. wie bei Anja Plönzke das Argument käme, sie hätte dem Pferd vor der Prüfung eine Karotte gegeben? Ich bin dafür, dass ein Pferd nach der Untersuchung durch einen Tierarzt die Prüfung gegebenenfalls fortsetzen kann.“ Was aber wäre weitergedacht, wenn ein Pferd in der Prüfung lahmt? Auch dann muss der C-Richter die Verantwortung übernehmen und das Pferd abläuten. Nun könnte es – rein theoretisch – außen ja auch nicht mehr lahmen bzw. kein tierärztlicher Befund diagnostiziert werden. Darf dieses Pferd dann auch wieder an den Start gehen?

„Das wäre das Ende des Sports“
Grundsätzlich war die Meinung unter den rund 200 Anwesenden, dass ein Pferd mit Blut am Maul (oder am Sporen) von einer Prüfung ausgeschlossen werden soll, denn so z.B. der FEI-Statistiker David Strickland: „Man muss sich nur die Folgen für den Sport vorstellen, wenn ein Pferd, das wieder zugelassen wird, erneut in der Prüfung anfinge zu bluten, das wäre das Ende des Sports. Dafür, dass es vielleicht alle zehn, zwanzig Jahre einmal vorkommt, dass ein Pferd wegen Blut bei einem Championat ausgeschlossen werden muss, riskieren wir das Ansehen des Sports zu zerstören.“ Auch der australische Verhaltensforscher und ehemalige Vielseitigkeitsreiter Andrew McLean fügte an, „Für mich besteht darüber überhaupt kein Diskussionsbedarf. Ein Pferd mit Blut am Körper muss von der Prüfung ausgeschlossen werden.“

Dass das Zerwürfnis zwischen FEI-Dressurkomitee und dem IDRC aber weitaus tiefer sitzt und über den Dissens bei der ‚Blut-Regel’ weit hinausgeht, wurde bei der anschließenden Panelsitzung deutlich. In der Vergangenheit hatte immer der vom IDRC vorgeschlagene Kandidat Einzug in das Komitee gehalten. Da den jetzigen Komiteemitgliedern offenbar die auf den Briten Wayne Channon gefallene Wahl des IDRC nicht zugesagt hat, versuchen sie das Reglement nun nach ihren Vorstellungen auszulegen. Dafür wurde mit dem spanischen Dressurreiter und -trainer Luis Lucio ein Kandidat benannt, der erst vor kurzem in den IDRC eingetreten ist, um die Voraussetzung zu erfüllen, im IDRC Mitglied zu sein. Daraufhin hat der IDRC das FEI-Tribunal angerufen, um die rechtliche Lage zu klären – eine Entscheidung soll demnächst bekanntgegeben werden.
Birgit Popp/Pferdplus

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