Interview mit Rudolf Mrstik: „Eigene Meinung ist nicht erwünscht“

Rudolfl Mrstik nimmt im Pferdplus-Interview zu seinem Rücktritt Stellung. Foto: privat

Rudolf Mrstik, Vizepräsident des NÖ Pferdesportverbandes, ist am Freitag, den 10. Februar 2012 offiziell von seinen Funktionen zurückgetreten. Was ihn zu seinem Rücktritt veranlasst hat, schildert er im Pferdplus-Interview.

Rudolf Mrstik ist seit 1973 im Pferdesport aktiv, hat jahrzehntelange Erfahrung in der Führung eines Pferdesportvereines und in der Pferderegionsgestaltung. Er war seit 2004 Referent für NÖ Pferderegionen, seit 2009 Referent für Wanderreiten und seit 2011 Vizepräsident des NÖ Pferdesportverbandes (NOEPS). Was ihn zum Rücktritt bewegt hat, schildert er im Gespräch mit Pferdplus.
 


Pferdplus: Herr Mrstik, in ihrem Rücktrittsschreiben ist zu lesen, dass ihre Lebens- und Funktionärsauffassung’ nicht in das im NOEPS herrschende Bild passt. Welches Funktionärsbild herrscht denn im NOEPS?


Rudolf Mrstik: Jedenfalls nicht mehr jenes, wie mir es vorschwebt und wie ich es leben möchte. Mir war es immer ein Anliegen, als Ehrenamtlicher für die Mitglieder des Verbandes und die Sache selbst – den Reitsport und das Pferd – tätig zu sein, also für den Pferdesport außerhalb der Reitbahn zu wirken. Für mich entstand aber immer mehr der Eindruck, dass sich die Organisationen rund um den Pferdesport hauptsächlich mit administrativem Regelwerk und mit sich selbst beschäftigen, aber der Sport und vor allem der Freizeitsport weitgehend unberücksichtigt bleiben! Aber vielleicht ist das eine natürliche Entwicklung: Größe und Stärke führen oft zu Abgehobenheit und Überheblichkeit. Doch das kann meines Erachtens mittelfristig nicht zum Erfolg führen. 


Pferdplus: Wo konkret orten sie ,Abgehobenheit` im NOEPS?


Mrstik: Es wurde zum Beispiel das Zuchtreferat des Verbandes durch das Leitungsorgan einfach aufgelassen, ohne den zuständigen Referenten davon in Kenntnis zu setzen. Dieser ist nur zufällig darauf aufmerksam geworden, als er kein Budget für das Jahr 2012 mehr angewiesen bekam – ein unerhörter Vorgang, zumal in der gültigen Geschäftsordnung eindeutig nachzulesen ist, dass das Zuchtreferat „jedenfalls zu besetzen“ ist. Danach können Referate nur durch einen Vorstandsbeschluss – das bedeutet durch das Leitungsorgan und acht weitere Vorstandsmitglieder – aufgelöst werden. Mittlerweile wurde der Zuchtreferent bei einer Vorstandssitzung – bei der der Präsident leider verhindert war – durch einen einstimmigen Vorstandsbeschluss wieder eingesetzt. Diese Aufregung hätte man sich ersparen können.


Pferdplus: Klingt reichlich desillusioniert – wenn nicht gar verbittert....


Mrstik: Man kann es auch ruhig Realismus nennen. Als Vizepräsident musste ich schnell erfahren, wie der Hase läuft. Ich war zwar schon seit Jahren als Referent tätig, da kümmert man sich um seine Sparte, trifft sich auf einigen Sitzungen – aber von den Interna der Verbandsführung bekommt man wenig mit. Ein weiterer Punkt, der mich massiv gestört hat: Eine eigene Meinung zu vertreten, die sich nicht mit der des restlichen Leitungsorgans deckt, ist nicht gerne gesehen und führt sehr rasch zu einer gewissen Ausgrenzung. Auch wenn man damit – objektiv gesehen – eigentlich im Recht ist. Der Verband ist im Moment auch nicht in der Lage, sich zu öffnen und neue Initiativen zuzulassen – auch das trägt zu einem Klima im NOEPS bei, mit dem ich mich nicht mehr identifizieren konnte.



Pferdplus: Können Sie Beispiele nennen?


Mrstik: Ich habe immer gesagt, dass gerade die Freizeitreiter, die Jugendlichen und Kinder angesprochen gehören. Deshalb habe ich vorgeschlagen, zwei erfolgreiche und angesehene Personen – nämlich Wolfgang Hellmayr und Martin Haller –  in die Ausbilderliste aufzunehmen und deren Kurse vom Verband zu fördern. Ich denke, dass diese beiden Personen hinreichend qualifiziert sind, österreichweit Ansehen genießen – und in der Lage wären, gerade jene Zielgruppen anzusprechen, denen wir als Verband sonst wenig bieten. Beide sind immer wieder in Niederösterreich unterwegs, und ihre Kurse und Seminare zu fördern wäre aus meiner Sicht eine gute Serviceleistung des NOEPS gewesen und hätte zu weiteren Mitgliedern aus einer anderen, bisher nicht angesprochenen , Zielgruppe führen können. Der Vorschlag aber wurde nicht angenommen – die beiden seien keine Mitglieder beim NOEPS und über ihre Qualifikation sei man sich auch nicht im Klaren. Für mich war das wieder ein deutlicher Hinweis, dass man nicht bereit ist, auch nur ein klein wenig über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Neue Ideen werden sofort mit formalen Argumenten abwürgt. Der Bezug zu den Mitgliedern abseits vom Turniergeschehen also im Freizeitbereich, - draußen in den Ställen ist leider verloren gegangen.


Pferdplus: Kann man das wirklich so verallgemeinernd sagen?


Mrstik: Die Zahlen bestätigen es. Erstmals waren in diesem Jahr die Mitgliederzahlen im Verband rückläufig, auch österreichweit sieht es nicht besonders rosig aus. Zwar haben wir 48.000 Mitglieder im OEPS und sind damit einer der größten Sportverbände in Österreich aber davon sind nur ca. 13.000 Lizenznehmer oder Startkartenbesitzer. Alle anderen haben in Wahrheit wenig Nutzen von diesem Verband und so passiert es, dass viele zwar für die Ablegung von Sonderprüfungen Mitglied werden, aber Ende des Jahres bereits wieder aussteigen, weil der Verband keine attraktiven Angebote für sie bereit hält. Wir produzieren zwar die schönsten Broschüren, in denen alle möglichen Argumente für eine Verbandsmitgliedschaft breit und ausführlich angeführt werden, doch das sind Worte, denen Taten folgen sollten. Hart ausgedrückt sind diese Mitglieder nur ein  ,Durchlaufposten` für den Verband, der nicht unbeträchtlichen Verwaltungsaufwand verursacht, aber keinen nachhaltigen Nutzen für Mitglieder und Verband bringt.
 
Pferdplus: Immerhin bekommen die Mitglieder eine Zeitschrift (die ,Pferderevue’, Anm.) als Serviceleistung ihres Verbandes...


Mrstik: Die aber inhaltlich weitgehend an der Zielgruppe `Freizeit` vorbeigeht und dem Freizeitreiter nichts bringt. Fragen sie die Mitglieder an der Basis, was sie von der Zeitschrift halten – sie würden staunen, was sie da zu hören kriegen. 
 


Pferdplus: Stehen Sie mit solcher Kritik denn allein da im NOEPS?


Mrstik: Aber nein – ich bin nur der einzige, der es offen anspricht, und wie sie wissen, muss ja häufig der Überbringer der schlechten Nachricht als Erster dran glauben. Die meisten Funktionäre und Referenten sehen sehr deutlich, woran es fehlt und was falsch läuft. Es gab ja innerhalb des NOEPS ab 2010 ein Projekt unter der Leitung von Dr. Heinz Jungwirth, bei dem es primär um den Erhalt und die Neuwerbung von Mitgliedern ging, in dessen Zuge aber auch eine anonyme Umfrage per Internet unter den Referenten durchgeführt, und zwar vom renommierten Personalberatungsunternehmen Pendl & Piswanger. Damit sollte der Ist-Zustand erhoben werden und wie zufrieden die Funktionäre selbst mit ihrem Verband sind, welche Meinung sie vom NOEPS haben. Die Ergebnisse waren alles andere als zufrieden stellend – man könnte sogar sagen alarmierend. Immerhin wurden daraufhin einige Aktivitäten gesetzt, um eine positive Veränderung einzuleiten. Es wurden zwar einige Dokumentationen über Verhaltensweisen und Vorgehensweisen zum Pferdesport  entwickelt und ein einschlägiges Seminar zur Gestaltung der  Referententätigkeiten  abgehalten, aber eine durchgängige und konsequente Umsetzung wurde mangels Akzeptanz des Managements nicht eingeleitet! 


Pferdplus: Ein im Zusammenhang mit ihrem Rücktritt wichtiges Ereignis war die Abberufung von Dr. Heinz Jungwirth als Referatskoordinator. Weshalb?


Mrstik: Bei einer Sitzung des Leitungsorganes am 9. Februar 2012 erklärte der Präsident, dass Dr. Heinz Jungwirth im Vorstand nicht mehr tragbar sei, und dass es zahlreiche Interventionen bei einem der letzten Turniere gegeben habe. Es sei eine Schädigung des Ansehens des Pferdesportes nicht nur in NÖ sondern in ganz Österreich zu befürchten bzw. gegeben und daher bestehe dringender Handlungsbedarf für eine Amtsenthebung. 
Bei der Abstimmung war ich die einzige Gegenstimme. Nachdem Dr. Heinz Jungwirth bereits als Vizepräsident 2010 nicht mehr kandidierte und somit keine repräsentative Funktion im NOEPS ausübte, sondern ausschließlich intern als technischer Referatskoordinator tätig war, fand ich diesen Schritt nicht gerechtfertigt, da u.a. auch Dr. Jungwirth zu diesen Pressevorwürfen nicht gehört wurde und keine Stellungnahme abgeben konnte.. 
In Österreich gilt bis zur Verurteilung die Unschuldsvermutung, deshalb sah ich keinen Handlungsbedarf. Eine entsprechende Stellungnahme des NOEPS in der Presse hätte ich für vernünftig gehalten. Was ich jedenfalls indiskutabel finde, ist der angebliche Versuch, Dr. Heinz Jungwirth zu drängen, er möge freiwillig „aus Krankheitsgründen“ verzichten, was eines Verbandes unwürdig ist.


Pferdplus: Tatsächlich passiert?


Mrstik: Tatsächlich passiert – wobei Dr. Heinz Jungwirth klare Worte dazu gefunden hat. Auch andere Dinge finde ich höchst befremdlich. Im Rahmen einer Softwareumstellung stand zur Debatte, alle Daten und Mails über einen zentralen Server beim OEPS laufen zu lassen. Das wurde vom Büro – NOEPS abgelehnt, da man den ständigen Zugriff auf alle Daten durch einen eigenen Server im Büro sicherstellen wollte, um nicht durch einen Leitungsausfall von den eigenen Daten und Mails abgeschnitten zu sein. Durch Zufall musste ich später erfahren, dass alle NOEPS - Mails nun über einen Server in Deutschland laufen und als Domainadministrator der Sohn des derzeitigen NOEPS- Schriftführers agiert……...


Pferdplus: Keine ganz glückliche Optik.....


Mrstik: Solche befremdlichen Dinge sind leider kein Einzelfall – sie betreffen auch sicher nicht nur den NOEPS, sondern viele andere Sportverbände und Vereinigungen. Es ist eine Zeit- oder besser gesagt: eine Wohlstandserscheinung. Früher wurde man Funktionär, um etwas für den Verband und die Gemeinschaft zu tun. Respekt und Anerkennung waren Lohn genug. Heute wird man Funktionär und fragt sofort: Was habe ich davon? Und man befriedigt seine persönlichen Eitelkeiten. In einer solchen Umgebung kann ich mich nicht wohlfühlen und bin daher fehl am Platz. Daraus habe ich die Konsequenzen gezogen.

Pferdplus: Noch eine letzte Frage: Warum äußern Sie sich gerade jetzt, nach ihrem Rücktritt, zu all diesen Vorkommnissen?

Mrstik: Schweigen und kommentarloses Beenden würde Akzeptanz bzw. Stillstand bedeuten. So hoffe ich, dass meine Worte zu Denkanstössen führen könnten ….


Pferdplus: Wir danken für das Gespräch.


Das Interview mit Rudolf Mrstik führten Petra Gmainer-Wiedemann und Mag. Leopold Pingitzer.



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