Jürgen Krackow im Interview: „Mehr als überrascht!“
Ende Juli veröffentlichte die FEI einen positiven Medikationsbefund bei Jürgen Krackows Pferd Looping. Pferdplus hat den in Salzburg lebenden Springreiter um eine Stellungnahme dazu gebeten.
Die FEI veröffentlichte Ende Juli auf ihrer Hompage, dass Jürgen Krackows Looping bei einem Doping Test beim CSIO*** Linz-Ebelsberg vom 14.-17. Mai 2010 den verbotenen Entzündungshemmer Flunixin im Blut aufwies. Ein Verfahren wegen verbotener Medikation läuft, eine vorläufige Sperre wurde nicht ausgesprochen.
Der gebürtige deutsche Springreiter startet seit Jahren für Österreich und wurde 2007 Staatsmeister. Aufmerksamkeit erregte Krackow, weil er sein Spitzenpferd Looping in schweren Prüfungen oft mit gebissloser Zäumung ritt.
Pferdplus: Herr Krackow, die FEI hat Ende Juli auf ihrer Website veröffentlicht, dass im Blut ihres Pferdes ein verbotener Entzündungshemmer gefunden wurde. Welche Erklärung haben Sie dafür?
Jürgen Krackow: Ich bin von dieser Situation mehr als überrascht. Ich finde es sehr eigenartig, dass genau dieses Medikament gefunden wurde.
Pferdplus: Heißt das, Sie haben es Looping nicht verabreicht?
Krackow: Das würde ich sicherlich nicht tun – gerade dann nicht, wenn ich hätte dopen wollen.
Pferdplus: Wie ist das jetzt zu verstehen?
Krackow: Um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen. Vor ca. eineinhalb Jahren litt mein Pferd Looping plötzlich an dramatischen Vergiftungserscheinungen – eine schwere Quecksilbervergiftung, wie sich herausstellte. Niemand, auch meine Tierärzte nicht, konnte sich erklären, wie mein Pferd soviel Quecksilber hätte aufnehmen können, er hätte 20 Fieberthermometer fressen müssen, es war absurd. Ich habe alles vom Futter bis zum Reitplatzboden testen lassen, aber wir kamen zu keinem Ergebnis.
Looping ging es damals extrem schlecht. Die Vergiftungserscheinungen waren so schlimm, dass er auf allen vier Hufen ausgeschuht hat. Ich hatte wirklich Angst um sein Leben. Um ihm die Schmerzen zu erleichtern, haben wir ein Medikament genau mit der angegebenen Substanz Flunixin eingesetzt. Aber daraufhin wurde Loopings Zustand noch schlechter, er wies nun außerdem Koliksymptome auf und war ganz schlapp. Erst, als wir das Medikament absetzten, ging es ihm wieder besser.
Wir haben herausgefunden, dass alle Medikamente, die die Leber belasten, bei Looping solche Koliksymptome auslösen. Wenn er jetzt irgendwo eine Entzündung hat, wird er also nicht mehr mit Entzündungshemmern, sondern ganz alternativ mit Blutegeln behandelt. Aus diesem Grund habe weder ich noch jemand aus meinem Umfeld diesen Wirkstoff verabreicht – weil ich weiß, wie negativ Looping darauf reagiert.
Pferdplus: Wie denken Sie also, ist das Medikament in Loopings Blut gelangt?
Krackow: Ich bin Looping in Linz am Donnerstag geritten – da ging er sehr gut, am Freitag ganz normal. Am Samstag war ich am Vormittag gar nicht in Linz sondern in Deutschland beim T. R. Pike Team. Dort vermittle ich 8-16-jährigen Kindern und Jugendlichen „Wille und Werte“ im Reitsport. Da macht sich so ein Vorwurf natürlich besonders gut, nicht wahr? Doch das nur nebenbei.
Loopings Pflegerin rief mich während des Kurses an, dass es Looping nicht sehr gut ginge, dass er leichte Koliksymptome zeigte. Als ich kam, erschien er mir aber fit genug, um ihn zu reiten. Doch schon am Abreitplatz machte er Fehler, was sonst gar nicht seine Art ist. Ich ritt dann noch in den Parcours ein, gab aber nach dem vierten Sprung auf. Das waren die schlechtesten vier Sprünge seiner Karriere. Jetzt machte ich mir wirklich Sorgen.
Pferdplus: Was haben Sie dann weiter getan?
Krackow: Ehe wir irgendetwas tun konnten, kam schon der Chefsteward auf mich zu und meinte, ich würde hier wohl keine Freunde haben – es hätte eine anonyme Anzeige gegen mich gegeben und deshalb müsse ich zur Dopingkontrolle. Aber selbst der Tierärztin, die die Proben nahm, fiel auf, dass Looping in schlechter Verfassung war – kein Wunder, wenn er dieses Medikament im Blut hatte. Ich weiß ja, dass er darauf so reagiert. Gibt man ihm das Zeug, geht es ihm vier Stunden später schlecht. Wie dumm müsste ich also sein, ihm dieses Medikament vor einem Start zu verabreichen? In seinem Zustand wären wir nicht einmal über einen L-Parcours gekommen.
Pferdplus: Wie erklären Sie sich aber dann das Ergebnis des Bluttests?
Krackow:Ich habe eindringlich mit meiner Pflegerin gesprochen, ob sie ihm aus Angst vor einer Kolik irgendetwas verabreicht hat. Aber sie schwört hoch und heilig, dass sie das nicht getan hat, und ich glaube ihr.
Die Stallzelte waren bei dieser Veranstaltung auch nicht lückenlos von den Securities überwacht – aber ich weigere mich zu glauben, dass irgendein Zuschauer meinem Pferd so etwas in die Box wirft.
Mich würde ja viel eher interessieren, wer die anonyme Anzeige gemacht hat – das würde, meiner Meinung nach, vielleicht Licht in die Sache bringen.
Pferdplus: Wie werden Sie jetzt weiter vorgehen.
Krackow: Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht. Ich bin ja im Moment nicht gesperrt, könnte also reiten, aber daran ist mir der Spaß erstmal gründlich vergangen. Da stell ich meinen Looping lieber auf die Weide und geh mit ihm ausreiten, bevor ich ihn weiteren Gefahren aussetze.
Wissen Sie, es ist schon beängstigend, was er als mein Pferd aushalten muss – und damit meine ich nicht den Sport. Plötzlich sehe ich auch diese unerklärliche Quecksilbervergiftung von einer ganz anderen Seite.
Aber eines ist klar – die Substanz war im Blut, und das habe ich zu akzeptieren. Deshalb werde ich wahrscheinlich auch gesperrt werden. Ich könnte sicher Einspruch erheben, aber ich weiß gar nicht, ob ich das will. Wenn ich ein paar Monate keine Turniere reiten kann, tut das weder mir noch meinem Pferd weh.
Was weh tut ist, dass mein Ruf Schaden nimmt. Aber wer mich näher kennt weiß, dass ich mein Pferd liebe und ihm deshalb niemals vorsätzlich schaden würde.
Pferdplus: Wir danken für das Gespräch.
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Kommentar zu Jürgen Krackow´s Interview
Als ich das Interview von Jürgen Krackow las, hinterfragte ich diverse Statements der fragwürdigen Stellungnahme des Salzburger Springreiters, denn einige Kommentare erscheinen mir weder plausibel noch glaubwürdig oder wahr.
- „Looping ging es damals extrem schlecht. Die Vergiftungserscheinungen waren so schlimm, dass er auf allen vier Hufen ausgeschuht hat.“
Wenn ein Pferd ausschuht verliert es die komplette Außenwand des Hufes und steht sozusagen auf dem Knochen, was das Todesurteil gewesen wäre. Es sei denn man therapiert das Pferd: Hängt es mit Gurten auf und wartet über ein Jahr bis das Horn komplett nachgewachsen ist. Das war jedoch bei Looping nicht der Fall. D.h. ein Ausschuhen hat es nie gegeben. Ich frage mich weiters ob es einen eindeutigen Befund dieser Quecksilbervergiftung gibt? Hat ein Labor, Klinik oder Tierarzt das Pferd untersucht und kann schwarz auf weiß einen Beweis für diese Vergiftung vorlegen?
- „Vor ca. eineinhalb Jahren litt mein Pferd Looping plötzlich an dramatischen Vergiftungserscheinungen – eine schwere Quecksilbervergiftung, wie sich herausstellte.“
Während dieser Zeit hat es auch immer wieder gescheiterte Comeback-Versuche gegeben; wie zum Beispiel in der Salzburgarena 2008, wo man deutlich sehen konnte, dass Looping nicht mehr in der sportlichen Verfassung war im großen Sport mitzuhalten, da die Oxer zu breit wurden, der Parcours zu lang und die Sprünge zu hoch… Trotzdem hatte es Jürgen Krackow probiert und in meinen Augen nicht wahrhaben wollen, dass der Zenit überschritten war. Oder am CSI*** in Lamprechtshausen 2009, wo er nach einem misslungenen Bewerb über 1,40 Meter seine weiteren Starts zurückzog. Sicherlich kamen dann vereinzelt noch Erfolge, wie in beim CSI2* in Stadl-Paura 2010 oder auch beim CSI*** in Lamprechtshausen, wo die beiden die Parcours der Großen Tour mit ein bis zwei Abwürfen meisterten. Jedoch merkte man schon, dass Looping sparsamer und schonender eingesetzt werden musste.
- „Wie dumm müsste ich also sein, ihm dieses Medikament vor einem Start zu verabreichen? In seinem Zustand wären wir nicht einmal über einen L-Parcours gekommen.“
Und trotzdem ist Jürgen Krackow geritten… Obwohl er selber gesagt hat: „Aber wer mich näher kennt weiß, dass ich mein Pferd liebe und ihm deshalb niemals vorsätzlich schaden würde.“
- „(…)aber ich weigere mich zu glauben, dass irgendein Zuschauer meinem Pferd so etwas in die Box wirft.“
Dieses Medikament wird durch eine Spritze verabreicht, somit kann dieser Vorwurf verworfen werden.
- „Mich würde ja viel eher interessieren, wer die anonyme Anzeige gemacht hat – das würde, meiner Meinung nach, vielleicht Licht in die Sache bringen.“
Tatsache ist, dass das dieses Medikament nicht über das Futter aufgenommen wird. Alle anderen Dopingsünder (wie zum Beispiel auch Bernhard Kohl) waren sich auch ganz sicher, dass sie es nicht waren.
Außerdem hat es mich mehr als überrascht, dass andere Dopingsünder (wie beispielsweise Boris Boor) an den Pranger gehängt werden: Prompt wurde eine APA-Aussendung gemacht und der Reiter suspendiert. Jürgen Krackow hingegen könnte – wenn er wollte – noch an Turnieren teilnehmen… Das ist für mich alles andere als logisch oder fair.
Wenn wir nun vom schlimmsten Fall ausgehen, dass Herr Krackow seinem Pferd ein unerlaubtes Medikament verabreichte, dann wirkt es mehr als ironisch, dass er angeblich an diesem besagten Samstag den Jugendlichen „Wille und Werte im Reitsport“ zu vermitteln versucht hat. Wenn Menschen sich selber dopen, dann ist es ihr Körper und ihre Gesundheit. Im Gegensatz dazu kann sich das Pferd nicht dagegen wehren und muss die Entscheidungen des Menschen über sich ergehen lassen.
Hochachtungsvoll Johann Struber