Klassische Reitkunst - iberisch-spanisch-barocke Ausbildung für Reiter und Pferd

Barockreiten erlebt in vielerlei Gestalt eine Renaissance. Foto: Archiv/Schloss Hof

Iberisch-Barockes Reiten erlebt jetzt eine Renaissance, die aus der Unzufriedenheit mit den heutigen Methoden der Sportreiterei entsteht. Barockreiten ist Reiten als Ausdruck von feiner Lebensart und Respekt vor der Psyche des Pferdes. Auf der Grundlage klassischer Pferdedressur kommen noch Spanischer Schritt, Trab und Schulen über der Erde hinzu.


Was ist iberisch-spanisch-barockes Reiten?

Einfach anders reiten – weil „englisch zu quälend“ ist – das ist der Beweggrund vieler, die umsteigen möchten.  Aber worauf? Was ist spanisch reiten? Reiten wie die Spanier? Und iberisch? Wie Spanier und Portugiesen gemeinsam? Und klassisch Barock? – einfach wie früher? Ist englisch nicht auch klassisch? Woran liegt es wirklich, wenn das Reiten elegant, leicht und harmonisch wirkt?

Die Grundlage ist immer die Dressur. Die Lektionen, die geritten werden, sind die gleichen, abgesehen vom Spanischen Schritt und –Trab und den Schulen über der Erde, die beim englisch Reiten nicht gefordert werden. Hier liegt das Hauptaugenmerk eher auf Vorwärts und Verstärkungen, während beim iberischen- und Barockreiten eher die versammelnden Übungen im Vordergrund stehen. In der korrekten Ausbildung sind jedoch immer unbedingt beide Lektionen erforderlich.
Also liegt der Unterschied in der Pferderasse begründet? Braucht man zum iberisch- oder Barockreiten zwingend ein iberisches Pferd? Natürlich eignen sich bestimmte Rassen besser als andere. Eine Rasse, die die Versammlung vom Körperbau her anbietet, ist in den versammelnden Lektionen natürlich leichter zu reiten. Im Gegenzug muß aber hier vermehrt an Takt und Schwung gearbeitet werden. Wo immer ein Pferd seine Vorzüge und Schwächen hat, grundsätzlich kann jedes Pferd klassisch-iberisch-Barock oder englisch geritten werden.
Bleibt noch das Outfit. Aber hier sind sich wohl alle einig, daß ein iberischer Sattel, ein Mosquero, ein Barockkostüm oder ein Prunkzaum nicht den Qualitativen Unterschied ausmachen können.

Unterschiede zwischen englischer Reitweise und klassischer Reitkunst

Unterscheiden sich die Reitweisen in ihrer Zielsetzung? Wenn iberisch- und Barockreiter für sich in Anspruch nehmen, daß dieses Reiten besonderes leicht, losgelassen, und gymnastizierend ist, entgegnen Englisch-Reiter, die Ausbildungsskala würde dies ja auch in ihrer Reitweise vorschreiben, ebenso sollte auch hier das Pferd die leichte Anlehnung an den Zügel suchen. Warum sieht es in der Praxis anders aus? Warum wird gezerrt, gezogen und gestochert?
Der wahre Unterschied liegt im Reiter selbst begründet. In seiner persönlichen Zielsetzung, in seiner Einstellung zum Pferd, in seiner Bereitschaft, das Pferd bestmöglich zu fördern und Fehler bei sich selbst zu suchen.
Wenn die Zielsetzung Leistung am Turnier lautet, wird oft die Zeit zu knapp. Das Pferd wird zum Gegner, das die Zielerreichung verhindert, wenn es nicht „mitmacht“. Lautet jedoch das alleinige Ziel, das Pferd bestmöglich zu fördern, gibt es keinen Terminkalender. Das Pferd wird zum Hauptdarsteller. Wenn sich der Reiter mit Hilfe des Pferdes selbst darstellen möchte, kommt es rasch zu Grobheit und Widerstand. Hier liegt der Unterschied zwischen Sport und Kunst. Daher meidet der Reitkünstler sportliche Wettbewerbe und daher ist Reitkunst auch nicht im Sport zu finden. Auch die Kunst ist ehrgeizig in ihren Zielen, unterliegt aber keinerlei zeitlichen, finanziellen oder sonstigen Zwängen (In diesem Zusammenhang sind wir gespannt auf die Zukunft unserer Spanischen Hofreitschule – ein interessanter Link zum Thema: www.freundeskreis-srs.at.

Wie in jeder Kunstform hat auch jeder Ausübende seine eigene „Handschrift“. Fragt man unter den iberischen oder barocken Ausbildern, stellt man fest, daß jeder wieder seine eigenen Methoden  hat – und letztlich bestimmt das Pferd in seiner Individualität selbst den passenden Weg.

Mehr Zeit für die Pferde

Grundsätzlich läßt man den Pferden mehr Zeit. Die zeigt sich am Ausbildungsweg: die Pferde werden oft später und länger ausgebildet, die Seitengänge und sogar die Piaffe werden oft noch vor der Galopparbeit erarbeitet. Besonderes Augenmerk wird auf den „losen Zügel“ gelegt, der jedoch sehr wohl Kontakt zum Pferdemaul hat. Der Reiter sollte jedoch nicht mehr als das Gewicht des Zügels in der Hand haben und stets zum Nachgeben bereit sein. Dafür tritt die Gewichtshilfe in den Vordergrund, die Pferde sollen immer unter den Schwerpunkt des Reiters treten. Iberisch-Barockes Reiten respektiert die Psychologie der Pferde. Heutige Erkenntnisse aus Anatomie, Biomechanik und Bewegungslehre bestätigen die Methode, bei der Kraft und Zwangsmittel nicht zum Einsatz kommen.  Das Ergebnis ist Eleganz, Ausstrahlung, Harmonie und reine Freude am Reiten.

Iberisch-Barockes Reiten erlebt jetzt eine Renaissance, die aus der Unzufriedenheit mit den heutigen Methoden der Sportreiterei entsteht. Barockreiten ist Reiten als Ausdruck von feiner Lebensart. Worte wie Ritterlichkeit und Kavalier haben ihre Wurzel im Wort Reiter. Es kann somit jeder, der seine Einstellung zum Pferd und zur Reiterei „ritterlich und taktvoll “ werden läßt, noch heute mit iberisch-barockem Reiten beginnen, unabhängig von der Pferderasse und vom Equipment.
Mag. Irene Ockermüller

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