KOMMENTAR: Sjef Janssen trainiert Matthias Rath. Unerhört – aber eigentlich logisch

Ann Kathrin Linsenhoff, Klaus Martin Rath – im Hintergrund Sjef Janssen. Foto: Julia Rau

Die Zusammenarbeit des niederländischen Nationaltrainers Sjef Janssen mit Matthias Rath ist in vielerlei Hinsicht ein Tabubruch – doch im Grunde nur eine logische Folge der verfahrenen Situation, in der sich die Totilas-Familie derzeit befindet.

Die Meldung sorgte für enorme Auf- und Erregung insbesondere in der deutschen Dressurszene: Sjef Janssen soll ab sofort die Nachwuchspferde von Matthias Rath trainieren – diese unerhörte Mitteilung auf der Website von Matthias Rath läßt seit gestern Abend die emotionalen Wogen hochgehen: ,Eine Schande', ,Es lebe der Wahnsinn' und ähnliche Postings füllen seither zahllose Facebook-Seiten und Webforen – und manche Kommentare sehen in Matthias Rath nun gar den ,Totengräber' (Zitat Dressurstudien.de) der klassischen pferdeschonenden Ausbildung. Auch wenn die Liaison zwischen Rath und Janssen durch ein Veto des niederländischen Verbandes verschoben werden mußte – ändern wird sich daran wohl – trotz aller Proteste und Aufschreie – nichts.

Dabei erzürnt nicht nur das Faktum der Zusammenarbeit an sich viele Pferdefreunde, sondern auch die Wortwahl, mit der sie verkündet wurde. So bezeichnet Rath Janssen unumwunden als den „derzeit weltbesten Dressurtrainer“, der seine Entwicklung fördern und seinen Horizont erweitern solle. Und weiter schreibt er: „Wenn man sich anschaut, was Sjef die letzten zehn Jahre geleistet hat und an Erfolgen erreicht hat, das ist beeindruckend – und zwar mit verschiedenen Reiter- und Pferdetypen. Denken wir beispielweise an Bonfire, Salinero oder Parzival. Das sind alles Pferde unter seiner Trainerobhut, die lange gesund und erfolgreich im Sport sind oder waren.“
Das ist in der Tat dick aufgetragen – man hätte die Mitteilung gewiss auch sachlichler und weniger schwelgerisch abfassen können. Auch wenn Matthias Rath sie nicht persönlich geschrieben haben sollte – sie wird ihm einige Sympathien kosten.

Insgesamt kann man sich aber des Eindrucks nicht erwehren, dass diese jüngste spektakuläre Aktion einmal mehr die Handschrift von Paul Schockemöhle trägt, der vor mehr als einem Jahr den Kauf des Hengstes Totilas gegen alle Widerstände durchgezogen hat und seither um seine Rendite fürchtet. Schon die Suche nach einem Reiter gestaltete sich schwierig, ehe sich Matthias Rath und Ann Kathrin Linsenhoff als Partner fanden. Doch es läuft seither nicht rund: Die sportlichen Erfolge – insbesondere bei der EM in Rotterdam – ließen zu wünschen übrig, zwischen dem jungen Reiter und dem Wunderhengst wollte sich keine rechte Harmonie einstellen, hinzu kamen kleinere Blessuren und lange Turnierpausen. Mit einem Wort: Es lief nicht rund – und es scheint, als hätte Paul Schockemöhle nun die Geduld verloren und nach einer Lösung verlangt, die funktioniert. Und was lag näher, als sich den erfolgreichsten Dressurtrainer der letzten Jahre zu engagieren – nachdem bereits vor einem Jahr alle namhaften Ausbilder Deutschlands abgewunken hatten? Viele Optionen standen wohl auch diesmal nicht zur Verfügung.

Dass es ein Tabubruch ist, den vermeintlichen Großmeister der Rollkur in die Hochburg der klassischen Dressurausbildung zu holen, störte Schockemöhle gewiss nicht. Den Holländern – konkret Edward Gal – vor einem Jahr das beste Pferd unterm Hintern wegzukaufen, war es auch. Genau genommen ist der aktuelle Tabubruch nur eine logische Folge des damaligen: Paul Schockemöhle ist  Geschäftsmann und Pragmatiker. Und er ist erfolgsorientiert. Das hehre Ideal der klassischen, pferdegerechten Dressurausbildung würde ihn nur dann interessieren, wenn es Erfolg bringt – was es derzeit offenbar nicht bzw. nicht schnell genug tut. Sjef Janssen mit seiner ganz eigenen Methode als ,Trouble-Shooter‘ zu engagieren, ist da eigentlich nur logisch – denn der hat ja nachweislich Erfolg. Und das ist doch schließlich nicht Paul Schockemöhles Schuld – aber eigentlich das Problem. Oder?

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