Problempferde – Tipps gegen unerwünschte Verhaltensweisen
Was tun mit sogenannten „Problempferden“, die steigen, bocken, beißen und ausschlagen und ihre Besitzer dadurch in die Verzweiflung treiben? Pferdplus hat bei Experten nachgefragt, wie solche Verhaltensweisen entstehen und wie man ihnen vorbeugen kann.
Wie die Schweizer Pferdepsychologin Daniela Bühler weiß, entsprechen sogenannte unerwünschte Verhaltensweisen dem eigentlichen Normalverhalten der Pferde, wenn sie sich in freier Wildbahn befinden. Problempferde im eigentlichen Sinn gäbe es nicht. Scheuen vor unbekannten Gegenständen ist für das Pferd ein natürliches, lebensnotwendiges Verhalten, welches dem Reiter aber unter Umständen Probleme bereitet. Beißen und Schlagen sind ebenso natürliche Verhaltensmuster in den Rangordnungskämpfen untereinander. Um damit umgehen zu können, muss der Reiter die Natur des Pferdes durch richtiges Verhalten, richtige Körpersignale und vor allem durch Konsequenz nützen.
Fehlende Konsequenz
Die Hauptursache bei Problemen im Umgang mit dem Pferd liegt in den meisten Fällen beim Menschen selbst. Durch fehlende Konsequenz in der Erziehung wird dem Pferd Unsicherheit vermittelt und es fängt an, seine Grenzen auszuloten, wie ein Teenager, der seine Eltern testet. Es gilt also gerade im täglichen Umgang auf eine konsequente Art zu achten, um Missverständnissen und unerwünschten Verhaltensweisen vorzubeugen. Diese konsequente Erziehung darf jedoch keinesfalls mit brutalen Maßnahmen gleichgestellt werden. Das kann durch Ruhe, klare Regeln und positives Verstärken allemal vermieden werden!
Die Rangordnung herstellen
Andrea Loidl, Personal Trainer mit zahlreichen Aus- und Fortbildungen im Natural Horsemanship und Parelli-Bereich, kennt die Problematik rund um die Rangordnung. Pferde, die neu in eine Herde kommen, testen aus, welches Pferd die Alpha-Position hat. Beim Menschen ist es gleich – hier versucht das Pferd, in dessen Dominanzbereich zu kommen. Das beste Beispiel ist das Führen, wo der Mensch prinzipiell immer vorzugehen hätte, was aber nicht immer tadellos funktioniert. Andrea Loidl weiß, wie wichtig es ist, dass die Besitzer die Verhaltensweisen ihrer Pferde nicht nur kennen, sondern auch verstehen.
Gesundheits-Check
Auch gesundheitliche Probleme und mangelhafte Ausrüstung können Ursachen unerwünschter Verhaltensweisen sein. Wenn ein Pferd ständig steigt, buckelt oder scheut, vor allem beim Training unter dem Sattel, sollte man, bevor zu weiteren Maßnahmen gegriffen wird, eine medizinische Untersuchung durchführen lassen. Liegt nach einem genauen Check noch keine Diagnose vor, ist es ratsam, den Sattel zu überprüfen. Gerade hier können kleine Veränderungen zu erheblichen Schmerzen beim Pferd führen.
Kommuniziere ich richtig?
Andrea Loidl ist auch davon überzeugt, dass Kommunikation beim Reiten ein wesentlicher Punkt ist. Mache das Pferd zum Beispiel einmal schöne Seitengänge, würde die Übung gleich noch einige Male wiederholt werden. Für das Pferd sei das dann so, als ob eine Stunde lang nach der Uhrzeit gefragt wird, obwohl diese schon bekannt ist. Das Pferd würde dann einfach nicht mehr zuhören, wäre unaufmerksam und könne schließlich nicht wissen, welche Ausführung gut war. Ein Pferd lerne nämlich dann, wenn der Reiter aufhört das zu tun, was er tut! Um also etwaigen Problemen beim Reiten vorzubeugen, sollte schon bei der Ausbildung auf eine eindeutige, unmissverständliche Kommunikation geachtet und die natürlichen Verhaltensweisen gekannt und auch verstanden werden.
Abwechslung ist angesagt!
Luise Wessely, sowohl Dressurreiterin als auch -trainerin ist davon überzeugt, dass ein Hauptproblem bei vielen Pferden die fehlende Abwechslung ist. Ihnen wird fad und sie werden unausgeglichen. Sie selbst achte bei Problempferden besonders darauf, das Programm so vielfältig wie möglich zu gestalten: viel Koppelgang, Ausreiten und auch Freispringen.
Problempferde werden gemacht
„Problempferde“ werden also von uns Menschen aufgrund falscher Erziehung, Haltung oder Ausbildung zu diesen gemacht. Deshalb ist es unvermeidbar, seine eigene Arbeit immer mit konstruktivem, selbstkritischem Blick zu begutachten und zu hinterfragen. Die besten Absichten nutzen oft wenig, wenn die Umsetzung nicht klappt. Hier sollte man keinen falschen Ehrgeiz haben und nicht zögern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Denn auf einem steigenden Pferd wird sich nur ein Reiter durchsetzen können, der sich sicher ist, dass er auch in einer solchen Situation im Sattel bleiben kann. Sobald wir selbst ängstlich oder unsicher werden, ist es schwierig, dem Pferd das Alphatier vorzuspielen, dem es vertrauensvoll folgen kann. Es gibt viele Wege, einem Pferd einerseits Vertrauen aber auch Respekt abzuverlangen. Für einen sollte man sich aber entscheiden und ihn konsequent verfolgen, um in Harmonie mit seinem Partner Pferd leben zu können. Es ist sehr zu empfehlen, sich dazu auch professionelle Unterstützung zu holen!
Einige Tipps:
– Belohne im richtigen Moment! Die Belohnung im richtigen Augenblick verstärkt und erhält die Motivation des Pferdes. Die Belohnung im falschen Moment verstärkt unerwünschte Verhaltensweisen.
– Beobachte dein Pferd und lerne, sein Verhalten zu interpretieren. Auch Pferde sind Lebewesen und können auch mal schlechte Laune haben.
– Vermeide Zeitdruck im Umgang mit Pferden: Unter Zeitdruck wird man schnell ungeduldig und setzt dann viel leichter falsche Reaktionen oder Signale.
– Nimm einen angeblichen Fehler des Pferdes niemals persönlich, sondern hinterfrage die Ursache. Pferde reagieren auf Reize, auf Gelerntes. Sie machen aber nie etwas bewusst gut oder schlecht.
– Pferde reagieren auf Körpersprache und -signale; setze sie daher möglichst bewusst und gezielt ein. Unsere Befehle sollen stets übereinstimmen, sonst entstehen Missverständnisse.
– Du bist der Boss! Die Rangordnung gegenüber dem Pferd muss stets gewahrt werden. Sei in jedem Augenblick ruhig, konsequent und bestimmt, dann wird sich das Pferd bei dir sicher fühlen und dich respektieren.
Die komplette Geschichte finden Sie in Pferdplus 12/2010
Autor: Anna Mogeritsch
- Anmelden oder Registrieren um Kommentare zu schreiben

News