Rollkur, Hyperflexion oder LDR: Die Begriffsverwirrung der FEI
Am 9. Februar 2010 gab es bei der FEI Gesprächsrunde in Lausanne heiße Diskussionen rund um das Thema Rollkur. Noch am selben Tag der Konferenz hat die FEI die Hyperflexion/Rollkur-Kontroverse als gelöst erklärt. Das darf allerdings bezweifelt werden – eher sieht es nach einer Begriffsverlagerung aus.
Die Hyperflexion oder Rollkur ist gekennzeichnet durch eine extrem tiefe Kopf-Hals-Einstellung des Pferdes und eine Zügelhaltung des Reiters, die das Pferd mit dem Maul deutlich in Richtung Brust/Buggelenk zwingt. Dieses extreme Einrollen des Pferdes ist unter Vertretern der klassischen Dressurausbildung äußerst umstritten und wird auch von Tierschützern heftig kritisiert.
Diskussionen im Vorfeld
Kontroversen über die Zusammensetzung der Gesprächsrunde hat es bereits im Vorfeld gegeben. Es waren Vertreter der Dressur, wie auch des Springsports und der Vielseitigkeit geladen, jedoch eindeutig mehr Befürworter der Rollkur/Hyperflexion als erlaubte Trainingsmethode als Gegner (nur Einer!!). Aus diesem Grund verfasste Klaus Balkenhol (Dressur Mannschafts-Olympia Sieger und ehemaliger deutscher, sowie amerikanischer Bundestrainer) vor der Gesprächsrunde einen offenen Brief an die FEI. Darin wurde deutlich darauf hingewiesen, dass neue Regeln bezüglich der geltenden, klassischen Reitlehre überflüssig seien und wenn die FEI das Reiten in Hyperflexion/LDR-Methode als Ausbildungsmethode akzeptieren wolle, sie damit aggressives Reiten legitimieren. Das entspreche absolut nicht dem Wohle des Pferdes und es würde erwartet, dass die FEI die bisher gültigen Regularien nicht verändert.
Diesen Brief unterzeichneten 25 prominente Reitsport-Größen aller drei Olympischen Disziplinen, darunter Harry Boldt, Günter Seidl (USA), Nadine Capellmann, Laura und Wilfried Bechtolsheimer (GBR), u.v.m.
FN gegen die Rollkur
Auch die deutsche FN sprach sich in einer Stellungnahme an die FEI strikt gegen die Hyperflexion aus. Eine für alle Disziplinen zentrale Rolle in der Ausbildung eines Pferdes spiele das Erreichen der ‚Losgelassenheit’. Jedes Training mit Pferden, das nicht folgenden Kriterien entspricht, ist abzulehnen: Zufriedener Ausdruck des Pferdes; Elastizität der Gänge; die Fähigkeit, Muskeln geschmeidig an- und abzuspannen zu können; eine gute Maultätigkeit und eine geregelte Atmung, die anzeigt, dass das Pferd körperlich und mental entspannt ist – insofern sei die ‚Hyperflexion’ eindeutig inakzeptabel!
Begriffs-Verwirrung
In einer offiziellen Pressemitteilung hieß es: „Nach einer konstruktiven Debatte war die übereinstimmende Meinung der Teilnehmer, dass jegliche Kopf- und Halshaltung des Pferdes, die durch aggressiven Zwang erzielt wird, nicht akzeptabel ist. Die Gesprächsrunde definierte den Begriff Hyperflexion/Rollkur als Biegung des Pferdeshalses, die durch aggressive Krafteinwirkung erzielt wird, welche deshalb unakzeptabel ist. Die Technik bekannt als Low, Deep and Round (LDR), die die Biegung ohne übermäßigen Zwang erzielt, ist akzeptabel.“
Die FEI unterscheidet somit zwischen Hyperflexion/Rollkur auf der einen Seite – und verurteilt diese deutlich – erklärt jedoch die LDR-Methode für akzeptabel. Diese begriffliche Unterscheidung war neu in der FEI-Mitteilung, denn bisher wurden Hyperflexion/Rollkur/LDR mehr oder weniger synonym verwendet.
Etappensieg
Der deutsche Tierarzt Dr. Gerd Heuschmann lobte nach der Gesprächsrunde, dass die FEI endlich erkannt habe, dass der Dressursport durch die Tolerierung von Hyperflexion/Rollkur ein Imageproblem besitzt. Jetzt müsse Schritt für Schritt gezielt Druck gemacht werden. Die Hauptaufgabe ist: das gute Reiten wieder zeigen. Auch BFV-Präsidentin Elisabeth Max-Theurer findet die klare Absage an aggressives Reiten positiv. Es gibt jedoch, so Max-Theurer, auch Situationen auf dem Abreiteplatz, in denen sich ein Reiter gegenüber seinem Pferd durchsetzen muss – dennoch muss er dem Pferd gegenüber fair bleiben. Ob dies der Fall ist, ist eine Ermessensfrage der Stewards, deshalb brauchen wir Stewards, die gut geschult und mit Kompetenz ausgestattet sind und denen die FEI den Rücken stärkt.
Richtlinien erarbeiten
Alle Augen und Hoffnungen sind nun auf die Arbeitsgruppe unter der Leitung des FEI-Dressur-Komitee-Vorsitzenden und Aachener Turnierveranstalters Frank Kemperman gerichtet. Gemeinsam mit dem Direktor des FEI-Springdepartments und Chefsteward aller FEI-Disziplinen John Roche, dem Direktor des FEI-Dressurdepartments und Vertreter der Dressurrichter Trond Asmyr, den beiden Vertretern der Reiter und Trainer Richard Davison und Wolfram Wittig und dem FEI-Dressur-Chefsteward Jacques van Daele soll Frank Kempermann nun genaue Richtlinien erarbeiten, was noch erlaubt ist und was nicht mehr. Anhand der konkreten Richtlinien wird man sehen, ob das Problem Rollkur/LDR wirklich gelöst ist – oder ob man nur Begriffskosmetik betrieben hat.
Die komplette Geschichte finden Sie in Pferdplus 04/2010
Autor: Birgit Popp
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